Samstag, 17. Dezember 2011

Der gut sitzende BH

Was bringt den besten Maßschneider zur Verzweiflung? Eine Kundin, die bei einem offiziellen Anlass einen anderen BH anzieht als denjenigen, mit dem sie zu den Anproben gekommen ist.
Hier ein paar Fotos von einer bekannten Dame, deren Kleidung in Maßateliers gefertigt wird. Bei welchem Outfit hat sie in der Früh zum falschen Darunter gegriffen?


Auflösung: bei dem goldenen Doppelreiher, der blauen und der violetten Jacke. Beeindruckend, nicht wahr? Der falsche BH führt zu klaffenden Knopfleisten und Spannungsfalten zwischen Armloch und Oberweite. Die Gesamterscheinung wird schlampig und plump. Sowas hat doch keine Frau nötig! Bei der beigen und der grauen Jacke hingegen passt alles.

Naja, auch nicht alles, aber an diesen Katastrophenärmeln ist nicht die Trägerin, sondern der Schneider schuld. Der Vergleich macht sicher: hier ein wahres Meisterwerk englischer Provenienz.

Mittwoch, 26. Oktober 2011

Die Mühlen der Bürokratie

.... mahlen langsam (und vielleicht auch gerecht). Nachdem der Firmenbuchauszug da war, konnte ich zwar alle fehlenden Formalitäten erledigen, aber die endgültige Verständigung vom Gewerbeamt daaauuueeeert wieder. Seufz. Wenigstens habe ich keine Stolpersteine mehr zu befürchten.
Jaja, der österreichische Beamtenstaat. Da verstehe ich schon, dass die Wirtschaftskammer immer jammert, Österreich sei unternehmerfeindlich. Das ist zwar eine rhetorische Übertreibung, aber ich war immer wieder überrascht, wie lange alles gebraucht hat. Alles in allem mit Einspruch mehr als acht Monate.
Aber nun die gute Nachricht: es ist vollbracht. Ab 1.11.2011 bin ich offiziell Gewerbetreibende!
Zur Belohnung für alle kurvigen Kundinnen und für mich selbst ein Stück original Sachertorte mit Schlag.
Und für die eckigen unter uns, bzw. diejenigen, die um Süßes eher einen Bogen machen, einen Tafelspitz von Plachutta.

Samstag, 8. Oktober 2011

Mein Inkognito wird obsolet

Nachdem ich gestern meine Firma "Lingerie Design Boll e.U." beim Handelsgericht eintragen ließ, ist es Zeit, meinen Nick zu ändern und mein Inkognito zu lüften.
Ich heiße Barbara Boll, lebe in Wien, bin im Hauptberuf Gymnasiallehrerin - und den Doktorgrad aus meinem neuen Nick trage ich wirklich. Nach meinem ersten Studium war ich Ensemblemitglied im Serapionstheater, anschließend Sängerin im ORF-Chor, und bin nach der Auflösung des Chors (es folgen schlimme Verfluchungen der Verantwortlichen) in der Schule gelandet. Daneben habe ich weitere Studien absolviert, mich als Radiomoderatorin und Zeitungskritikerin versucht, einen kleinen Musikverlag geleitet und mich als Abgeordnete für die Grünen in Wiener Bezirksparlamenten um Verkehrs-, Stadtplanungs- und Budgetangelegenheiten gekümmert. Nebstbei bin ich weiterhin freiberufliche Sängerin und Gesangspädagogin.
Ihr seht also, dass ich schon eine Menge Spaß hatte und vor Neuem nicht wirklich zurückschrecke......

Zur Schneiderei kam ich über meine Großmutter, die sie noch in der Bürgerschule erlernt hatte. Sie zeigte mir die grundlegenden Techniken, schenkte mir Stoffe zum Ausprobieren und hütete als Burda-Abonnentin einen Goldschatz an Schnitten. Sie hatte auch die Nerven, meine mangelhaften Erzeugnisse zu loben, die ich voller Stolz trug, obwohl sie ihren Vorstellungen von Damenhaftigkeit und Tadellosigkeit heftig widersprachen. Ihr verdanke ich definitiv meinen Sinn für Qualität und Passform.

Meine selbstgenähten Klamotten wurden mit den Jahren und der Erfahrung zwar besser, aber der entscheidende Entwicklungssprung waren meine Jahre im Serapionstheater. Dort löcherte ich die Schneider bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Fragen, schaute ihnen über die Schulter und probierte unter ihrer Anleitung neue Tricks, Techniken und Handgriffe aus. Vielen Dank an Jürgen Meisolle (heute Theater Kiel), Marie Heitzinger (heute "beim Film") und Eberhard von Knobloch (heute selbstständig). Außerdem an meine MentorInnen Hellmut Krepp (heute pensioniert), Patricia Delzo de Edelmayer und Beate Pedarnigg (ehemals Österreichische Bundestheater, jetzt Arbeitskollegin von mir).

Als schließlich vor einigen Jahren die Produktion meines Lieblings-BHs eingestellt wurde, griff ich zur Selbsthilfe und begann mich auf Dessous-Schneiderei zu spezialisieren. Zuerst mit zerlegten Industrie-BHs und gekauften Schnitten, später mit von mir selbst entwickelten Schnitten. Zuerst für mich selber, dann für meine Schwestern und schließlich für Versuchskaninchen aus meinem Freundinnenkreis.
Den Rest kennt Ihr: Ansuchen um "Feststellung der individuellen Befähigung", Bauchfleck in der ersten Instanz, Einspruch, dann Begutachtung durch die Innungsmeisterin, jetzt die behördliche "Feststellung", die Eintragung ins Firmenbuch und in circa zwei Wochen die endgültige Gewerbeanmeldung.

Ich hoffe jedenfalls, dass die ersten Kundinnen nicht ebenso lange auf sich warten lassen wie mein Antrag gebraucht hat. Oder die ersten Kunden, denn ich darf in Zukunft auch Dessous für Herren erzeugen!

Eure vor Tatendrang platzende
Frau Dr. Boll

Donnerstag, 1. September 2011

Geschafft!

Heute, sieben endlose Monate nach meinem Erstantrag, fand in der Landesinnung für Mode und Bekleidung endlich eine Überprüfung meiner BH-Näh-Kenntnisse und -Fähigkeiten statt. Und ich darf gleich mal verraten: es sieht sehr gut aus.
Angenehmerweise fand "nur" ein Fachgespräch statt, das heißt: ich musste nicht vor den Augen der Innungsmeisterin Patrizia Fürnkranz-Markus auf Maschinen der Innung arbeiten, sondern ich nahm fertige BHs, Stoffe und Spitzen mit, die wir besprachen.
Es sind jetzt schon zwei Jahre, dass ich mich in die Materie "Maß-BHs" vergrabe und meine Technik verbessert sich mit jedem Stück. Daher habe ich in den letzten Tagen einen BH für mich angefertigt, bei dem ich jeden kleinsten Fehler auftrennte, damit ein makelloses Ergebnis zustande kam. (Wenn ich für mich selbst arbeite, bin ich da normalerweise toleranter........)
Hier ist also mein nachtblau-rotes Meisterstück:


Wagemutig, wie ich bin, zeige ich Euch nicht nur eine Nahaufnahme der Nähte von außen, sondern auch von innen. Ich bin wirklich zufrieden.
Frau Fürnkranz-Markus war erstaunt, dass man sowas mit einer Haushaltsmaschine hinkriegt, worauf ich ihr nur eine Erklärung bieten konnte: Bernina-Qualität.
Vor einem halben Jahr kaufte ich diese Maschine, die älter ist als ich selber, eine 530-2 Record, zwar elektrisch, aber ansonsten vollmechanisch. So was von hochpräzise habe ich noch nicht erlebt! Vollkommen gleichmäßige Nähte!
Wenn ich Stichlänge 2 mm einstelle und
anschließend 2,2 mm, ist der Unterschied genau zu erkennen. Auch die Zickzackbreite von einem halben Millimeter ist genau zu sehen.
Den Füßchendruck brauche ich nicht einmal bei elastischen Stoffen zu verändern und die Stoffschichten verschieben sich trotzdem kaum gegeneinander. Außerdem zerbricht nicht einmal die dünnste Nadel, während ich auf meiner Toyota 2600 (ein Spitzenmodell in den 1980er Jahren, als ich sie kaufte) pro BH mindestens eine schrotte. Rückwärtsnähen und dickere Stofflagen sind da die Todesfallen, obwohl die Maschine erst kürzlich von Aisin gewartet wurde.
Naja, steig ich halt auf die Bernina um, die eigentlich als meine Reservemaschine gedacht war, und nehme die Toyota, wenn die Bernina beim Service ist.

Zurück zum Fachgespräch: wir besprachen eigentlich alles. Verarbeitungsprobleme, Dehnungsverhalten, schnittechnische Herausforderungen, Geschäft, Werbung, Vernetzung, Kunden, meinen Weg zum BH-Schneidern usw. Theoretisch hätte es ja sein können, dass sie meint: was will die, sie hat ja nicht einmal eine Lehre gemacht. Aber sie war wirklich fair und hat die Qualität meiner Arbeit mehrmals gelobt. Großes Danke.
Außerdem ein großes Danke an den Geschäftsführer der Innung, Herrn Walter Grössinger. Er hat mir in einigen Telefonaten Mut gemacht, als es nach einem gewerbrechtlich hoffnungslosen Fall aussah. Danke, danke, danke!
Jetzt warte ich noch auf den Gewerbeschein und dann kann mich nichts mehr halten. Wien, oder besser: Welt, ich komme!

Donnerstag, 28. Juli 2011

Passform, Passform, Passform

Meine Lieben,

nachdem Martina mich direkt darauf angesprochen hat, möchte ich mal ein Lob auf gut sitzende Kleidung loswerden.
Dazu wieder einmal ein Bilderrätsel. Wer dieser Herrschaften trägt Maßgeschneidertes?








Auflösung:
Coco Chanel, Jeffrey Diduch (der Herr ohne Kopf), Tippi Hedren und Hedy Lamarr (lasst Euch nicht von den voluminösen Ärmeln irritieren!)

Sandra Maischberger, Tom Ford und Candice Bergen alias Shirley Schmidt tragen Sachen, die nicht oder schlecht an ihre Körper angepasst wurden. Diese schlagen Falten, die weder durch Schulter- (wie bei Chanel) noch durch Armhaltung (wie bei Hedren und Lamarr) bedingt sind, sondern ganz einfach durch einen Schnitt, der nicht zum Körper passt. Also durch schlechte Passform.

Bei Maischberger und Bergen machen sowohl die Ärmel als auch die Oberweite Probleme, obwohl diese Ladies mit schlanken Figuren gesegnet sind. Und Tom Ford sieht aus, als ob er seit dem Anzugkauf 10 Kilo zugenommen hätte: Spannungsfalten an der Ärmelkugel, um die Taille, in den Ellbogen und im Schritt. Aus irgendeinem Grund hat er ein Faible für diesen Knackwurst-Stil, denn fast alle Fotos zeigen ihn so.

Jeffrey Diduchs Anzüge hingegen sind ein Musterbeispiel für englische Maßarbeit: körpernah geschnitten, ohne jegliche Spannungsfalten und mit makellosem Fall. Ebenso die Jacken von Hedren und Lamarr. Den absoluten Höhepunkt stellt für mich aber der Ärmel von Chanels Kostümjacke dar. Diesen so hinzukriegen, dass er auch bei leicht gehobenem Arm keine Falten schlägt - das zeugt von hoher Schneiderkunst.


Montag, 11. Juli 2011

Schlank und straff in Nullkommanix

Frauliche Figuren haben's seit den 1970er Jahren schwer. Üppige Vorbauten wie die von Sophia Loren, Gina Lollobrigida, Elizabeth Taylor oder Jane Russell liegen definitiv nicht im Trend - Twiggy und den Machern von weiteren Magermodels sei "Dank".
Die Bekleidungsindustrie ist daher für Frauen jenseits eines B-Körbchens ein einziges Problemfeld. Entweder man akzeptiert formlose Oberkleidung, bei der die Passform egal ist, oder man greift zu Stretchteilen und hofft, dass sie nicht allzu viele Falten schlagen.

Und wie sieht die Lösung der Dessousindustrie aus? Wegschnallen, wegdrücken, verstecken. Ganz wie in den Roaring Twenties oder der griechischen Antike, als ein Knabenkörper den Gipfel der Schönheit darstellte.

Nachfolger dieser Brustbinden nennt man heutezutage Minimizer oder Entlastungs-BHs, und sie wurden entworfen, um größere Oberweiten zu kaschieren. (Wobei laut Wikipedia schon ein BH ab 70C als größer gilt! Absurd!) Sie drücken das Brustgewebe zusammen und nach oben, damit der Balkon möglichst wenige herausragt. Entsprechend unansprechend schauen diese Folterinstrumente auch aus: Der Stoff reicht bis unter das Kinn, sodass der größte Asset einer üppigen Oberweite ganz sicher nicht gesehen werden kann: ein schöner Busen. (Merke: Busen ist die Bucht zwischen den Mädels.)

Dabei gibt es einen ganz einfachen Trick, um üppige Oberweiten schön hinzukriegen: die Verlegung des Brustpunkts. Aus dem Webarchiv von Beverly Johnsons Blog konnte ich die folgende Grafik retten, die das Prinzip hervorragend zeigt:

Links oben die Realität der Industrie-BHs. Durch das Gradieren wandert nicht nur das Volumen der Körbchen auseinander, sondern auch der Abstand der Brustspitzen.  Ergebnis: eine breeeiiiite Oberweite.

Links unten dieselbe Brust mit einwärts platzierten Brustpunkten. Sieht doch appetitlich aus, oder? Wenn die Brustspitzen zudem noch etwas angehoben werden, dann ergibt das die Optik einer festen, jugendlichen Brust. Ganz ohne Gewalt, Operation oder Diät.

Aber es muss gewarnt werden: frau wird immer pingeliger und landet irgendwann bei maßgefertigter Oberbekleidung. Den wer möchte sich schon den frisch "gestrafften" Busen durch schlecht sitzende Blusen oder Jacken verpfuschen lassen......

Samstag, 2. Juli 2011

Meisterwerke des "Geschmacks"

Eine Achillessehnenoperation hat mich die letzten Wochen zu Untätigkeit gezwungen, weshalb ich endlose Tage auf meiner Couch verbrachte und dabei einige spannende Stunden vor meinem Televisionsgerät erlebte. Unter anderem folgende Vorher-Nacher-Verwandlung einer jungen Frau.
(Bitte entschuldigt die Qualität der Bilder. Ich habe die Wiederholung der Sendung aufgenommen und daraus Screenshots angefertigt.)


Links oben das Original, rechts das Outfit, mit dem die Kandidatin nach Hause entlassen wurde. Ich bin fast von der Couch gerollt vor Fassungslosigkeit. Konnte man dem Mädel keinen besseren BH verpassen als diese Hängematte? Unten der besonders grausame Vergleich mit einer Dekopuppe. Höhenunterschied der Brustpunkte ca. 15 cm.


Aber es ging noch besser. Von diesem Kleid meinte die Stylistin, es modelliere "eine weibliche Silhouette" und könne in Kombination mit einem Blazer "ein wunderschönes Outfit .... für eine Hochzeit" sein. Vermutlich, weil die Trägerin auf keinen Fall der Braut die Schau stielt....


Sind das nicht unglaubliche Proportionen? Der Busen hängt in der Taille und zum Ausgleich verlängert der kurze Ausschnitt den Abstand vom Hals zur Brust? So teilt die Brustlinie den Oberkörper nicht in der Hälfte, sondern im unteren Viertel. Man kann sich nur die Augen reiben vor Verwunderung. Aber eigentlich hätte man schon Schlimmes vermuten können, denn mangelnde Passform stört die Stylistin nicht einmal bei ihren eigenen Klamotten:


Seit wann eigentlich lassen sich Frauen mit solch schlechter Qualität abspeisen? Sollten wir nicht viiiiiel wählerischer sein?